Nicht nur der schiefe Kirchturm der Salzwedeler Marienkirche ist einen Anblick wert, auch das fünfschiffige Gotteshaus selbst beeindruckt allein durch seine Größe sowie durch die historischen Schätze in seinem Inneren. Erbaut als Feldsteinkirche um 1150, erfuhr die Marienkirche bis in das 15. Jahrhundert hinein mehrere Umbauten, bis sie als der spätgotische Backsteinbau vollendet war, als der sie heute noch im Zentrum der Stadt steht. Bis zur Reformation, die Salzwedel im Jahr 1541 erreichte, wurde sie die Kirche „Unser lieben vrouwen“ genannt, einer im Mittelalter weit verbreiteten Bezeichnung für die Gottesmutter Maria. Die zu Luthers Zeiten erfolgte Umbenennung in „St. Marienkirche“ ist somit im Grunde genommen keine solche, sondern lediglich eine Konkretisierung des althergebrachten Namens aus dem Mittelhochdeutschen.
Der geschnitzte Hochaltar, dessen Erschaffung auf das erste Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts datiert wird, zeigt insgesamt 30 Relieffelder. Sie zeigen Szenen aus den Marienlegenden und der Kindheit Jesu sowie den erwachsenen Christus als Weltenrichter. Das große Mittelbild veranschaulicht die Leiden Christi. Darüber ist eine lebensgroße Darstellung der Muttergottes auf einem Sichelmond angebracht, der jeweils vier weibliche Heilige zur Rechten und zur Linken gestellt wurden.
Der Schnitzmeister des Altars ist namentlich nicht bekannt, angenommen wird ein Meister aus Braunschweig, da sich Parallelen der Arbeit in Altencelle und der Marktkirche Hannover finden lassen. Der Altar zählt zu den schönsten Sehenswürdigkeiten aus der Frühen Neuzeit in Salzwedel.
Von der barocken Orgel, erbaut um 1750 von Joachim Wagner und seinem Schüler Gottlieb Scholtze, ist noch das aufwendig verzierte Gehäuse erhalten. Blitzschäge führten mehrfach zur Beschädigung des kostbaren Instruments.
1913 wurde die Orgel durch eine romantische Version der Firma Furtwängler und Hammer ersetzt, die mit 62 Registern und drei Manualen ausgestattet war. Zu DDR-Zeiten verstummte sie aufgrund zunehmender Schäden, bis sie nach der Wiedervereinigung restauriert werden konnte. Am Ostermontag im Jahr 2007 erklang sie zum ersten Mal seit 30 Jahren wieder.
Seither ertönt sie nicht nur während der Gottesdienste, sondern auch zu besonderen Konzertveranstaltungen vornehmlich während der Sommermonate. So können sich die Besucherinnen und Besucher der Salzwedeler Marienkirche an ihrem vollen Klang erfreuen.
Ebenfalls ein kunsthistorischer Schatz ist das mittelalterliche Chorgestühl im Altarraum der Marienkirche. Mit einer Datierung um 1390 ist es noch im ausgehenden Mittelalter geschaffen worden, die Darstellungen der Apostel und Kirchenväter an den Stuhllehnen, die sogenannte Dorsalbemalung, stammt aus dem ausgehenden 16. Jahrhundert.
Genutzt wurden diese aufwendig gestalteten Sitzgelegenheiten im Mittelalter von Mönchen und Domherren, die hier - räumlich getrennt von den Laien - mehrmals am Tag zu Stundengebeten und Lobgesang zusammenkamen. Solche kunstvoll gestalteten Chorgestühle sind in vielen Kirchen zu finden. Sie blieben zur Zeit des Bildersturms während der Reformation vielerorts unangetastet und wurden nach der Reformation weiterhin genutzt, nun von kirchlichen Würdenträgern, Adligen und Stadträten während der Gottesdienste. Auch eine Nutzung als Beichtstühle bis in das 19. Jahrhundert hinein konnte nachgewiesen werden.
Quellen:
Ev. Kirchengemeinde St. Marien, Salzwedel (Hg.): „Salzwedel St. Marien“. PEDA Kunstführer Nr. 890, 2013.
Anja Seliger: Pragmatische Toleranz. Das Chorgestühl im protestantischen Kirchenraum. Artikel online eingesehen unter: https://www.altekirchen.de/wp-content/uploads/2019/07/2014_87-89.pdf, Zugriff am 29.06.2026 um 11.30 Uhr.
https://www.marienkirche-salzwedel.de/86.html, Zugriff am 20.05.2026 um 11.02 Uhr.