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Berndt Seite

Augentrost

In den vielen Werkstätten des Anthropozän zieht Berndt Seite an den Fäden des Moments und befragt mit ihnen den längst abhanden geratenen Sinn des Lebens.

Der Ring der Zwerge

Der Ring der Zwerge

Carolin Eberhardt

Zwerge zählen wohl im Allgemeinen in die gleiche Kategorie wie Hexen, Riesen, Feen, Kobolde oder Elfen. Doch nicht alle genannten haben es auch in die Märchen der Gebrüder Grimm geschafft. Zwerge faszinierten die Menschen bereits seit jeher. Viele Geschichten ranken sich um sie. Kleine Wesen, die in der Regel freundliche Gesellen waren, die aber auch gefürchtet wurden. Doch egal, welch schändliche Tat sie gegen einen Menschen wohl schon getan haben, waren die Menschen, die ihnen begegneten den Zwergen wohlgesonnen und halfen sie ihnen, so konnten die auch als Unterirdische bezeichneten Winzlinge sehr großzügig ihre Dankbarkeit erweisen. So geschieht es auch in der folgenden Geschichte.

Carolin Eberhardt

Es wird erzählt, dass das Adelsgeschlecht von Alvensleben über viele Generationen einen Ring hütete, der ihrer Familie Glück brachte. Zu der Geschichte, wie die Familie zu dem Ring gekommen sei, gibt es verschiedene Überlieferungen.

Zum einen munkelte man, dass die Ahnenmutter des Adelsgeschlechts eines Tages von den Zwergen, die auch als Unterirdische bezeichnet wurden, geholt wurde, um einer Zwergenfrau bei der Geburt ihrer Tochter zu helfen. Da die Adlige die Aufgabe zur Zufriedenheit der Unterirdischen erfüllte und auch kein ihr dargebotenes Geschenk angenommen hatte, so erhielt sie zum Dank für ihre Hilfe den glückbringenden Ring.

Andere erzählten, die Urmutter der von Alvensleben soll selbst ein Kind zur Welt gebracht haben. Und wie sie nun nach den Strapazen der Geburt glücklich und erschöpft neben ihrem Kind im Bett lag, so kamen in der Nacht die Unterirdischen zu ihr ins Schlafgemach. Eine besänftigende und überirdische Musik begann zu spielen, die Tür öffnete sich und eine ganze Prozession der kleinen Leute trat herein. Einige wenige näherten sich ihrem Himmelbett, dabei verbeugten sie sich immer wieder. Als sie sich am Fuße des Bettes gesammelt hatten, baten sie um die Erlaubnis, unter dem Ofen des Schlafzimmers eine Hochzeit feiern zu dürfen. Zwar war die Adlige über diese Bitte sehr verwundert, doch erlaubte sie den Zwergen, ihr Fest zu feiern. Und so vernahm sie die ganze Nacht immer wieder eine feine Musik, die vom Ofen her zu ihr herübergetragen wurde. Als nun der Morgen dämmerte, so kamen zwei von den Winzlingen erneut an ihr Bett und verbeugten sich abermals. Das Fest war vorüber und als Dank erhielt die Dame von Alvensleben den sagenumwobenen Ring. Die Zwerge rieten ihr, den Ring immer aufzuheben, denn solange der Ring in ihrer Familie weitergegeben würde, so sollte auch das Glück nicht mehr von ihrer Seite weichen.

Als die Frau nun nach einem kurzen Dämmerschlaf am Morgen wieder erwachte, so war ihr, als hätte sie einen eigenartigen Traum gehabt. Doch als sie an sich herabblickte, sah sie den verwunschenen Ring an ihrem Finger prangen.

 

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Vorschaubild: Die Gartenlaube (1891) b 165, "Lustige Gesellschaft" nach einer Zeichnung von F.Mock via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

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