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Geschichten aus der Mitte Deutschlands
Hexentanz im Wendhusenkloster

Hexentanz im Wendhusenkloster

Florian Russi

Vor vielen Jahren, als im Wendhusenkloster in Thale noch Nonnen lebten, war Schwester Innocenta eine unter ihnen. Innocenta bedeutet »unschuldig«, und so war sie auch, als sie mit 17 Jahren, klein und zierlich, von ihren Eltern in die Obhut der Klostergemeinschaft gegeben wurde.

Das Mädchen war fromm, fleißig und immer bemüht, alles zu tun, was die strengen Ordensregeln von ihr verlangten. Zugleich war sie aber auch sehr neugierig. Über alles, was um sie herum geschah, wollte sie Auskunft haben und Ursachen und Zusammenhänge kennenlernen. Deswegen wurde sie immer wieder von der Klostervorsteherin, der gestrengen Äbtissin Mutter Benedicta ermahnt: »Sei nicht so vorwitzig. Das ist
ein Verstoß gegen die Demut.« Die Regeln des Klosters verlangten von den Nonnen Armut, Keuschheit und Gehorsam, und die Demut galt als die Schwester des Gehorsams.

Jeden Morgen pünktlich um 5 Uhr mussten die Ordensschwestern aufstehen und sich in der Klosterkapelle zum Gebet versammeln. Danach begann ein streng geregelter Tagesablauf mit viel Arbeit und Gebet und nur drei kargen Mahlzeiten. Die Äbtissin wachte mit strengen Augen auf die Einhaltung aller Regeln und verlangte, dass ihre Anordnungen ohne Umschweife befolgt wurden.

Als Innocenta während einer Mahlzeit feststellte, dass sie und ihre Mitschwestern unterschiedliches Essen
vorgesetzt bekamen, fragte sie die Mutter Benedicta nach dem Grund. Anstatt ihr zu sagen, dass sie den älteren oder kranken Nonnen eine stärkende Kost verordnet hatte, schalt die Äbtissin Innocenta wegen ihrer ungebührlichen Neugierde. Sie schlug sie sogar, drückte ihr einen Besen in die Hand und sagte: »Nimm diesen Besen. Von jetzt an wirst du alle Gänge und Flure fegen und putzen. Vielleicht lernst
du dabei die Demut, die dir fehlt.«

Innocenta fügte sich in ihr Los und fegte und schrubbte tagaus tagein die Böden des Klosters. Sie hoffte, dass Mutter Benedicta nach einiger Zeit ein Erbarmen mit ihr haben und ihr andere Aufgaben zuweisen würde. Doch sie wurde enttäuscht. Ständig kritisierte die Äbtissin ihre Arbeit und führte Klage über unsauber gebliebene Flächen. Auch befand sie, dass man das Putzen und Fegen mit mehr Ergebenheit
verrichten könne.

Spät abends nach dem Chorgebet zogen sich die Nonnen in ihre Klosterzellen zurück, sprachen nochmals ein persönliches Gebet und legten sich dann zum Schlafen auf Strohsäcke.

Obwohl Innocenta, vom vielen Arbeiten ermüdet, sich jeden Abend den Schlaf herbeisehnte, schlief sie nie sofort ein, sondern wurde von wehmütigen Gedanken befallen. Sie faltete die Hände, bat Gott um seine Hilfe und schaute traurig auf die kahlen Wände ihrer Zelle. Auf der ihrem Strohsack gegenüberliegenden Wand befand sich am oberen Ende, vom Boden aus für sie nicht erreichbar, eine Fensterluke. Sie war das ganze Jahr über geöffnet. Im Frühjahr drang vom Klostergarten her ein angenehmer Duft durch die Luke. Im Winter wehten kalte Winde herein. Die Nonnen sollten sich körperlich abhärten.

Eines späten Abends überkam Innocenta eine unbestimmbare Sehnsucht. Um sich abzulenken, fegte sie noch ihre eigene Zelle, stellte den Besen dann an die Wand und legte sich zum Schlafen. Heller Mondschein drang zu ihr durch die Luke. Da hörte sie, wie der Besen umkippte und zu Boden fiel. Sofort stand sie auf, um ihn wieder aufzurichten. Doch kaum, dass sie ihn in den Händen hielt, schnellte dieser noch oben, riss sie mit sich, und wie in einem Sog trieben Besen und Nonne durch die Fensterluke ins Freie. Innocenta klammerte sich am Besen fest, und so flogen sie durch die Luft und ließen das Kloster weit hinter
sich.

Es war eine angenehm warme Nacht, und nach anfänglicher Angst empfand Innocenta plötzlich ein erhabenes Gefühl von Freiheit und Grenzenlosigkeit. Zunächst glaubte sie zu träumen, doch bald wurde ihr klar, dass alles Wirklichkeit war. Nach kurzem Flug gelangte sie an einen Ort, der heute noch Hexentanzplatz genannt wird. Hier traf sie auf Hexen und Hexer, die aus dem ganzen Land auf ihren Besen durch die Luft geritten kamen. In dieser Nacht feierten sie das »Thaler Sommersonnenwendfest«, die
bedeutendste Hexenveranstaltung nach der Walpurgisnacht.

Nurena, eine erfahrene Hexe, war unter den Feiernden. Sie erkannte sofort, dass Innocenta zum ersten Mal auf den Hexentanzplatz gekommen war und sich beim An- blick so vieler Hexen und Hexer unsicher und geängstigt fühlte. »Mach dir keine Sorgen«, sprach sie ihr Mut zu. »Alle, die hier sind, wollen nur tanzen und fröhlich sein. Wir Hexen sind gut und böse, weise und unerfahren, vorwitzig und zurückhaltend, fleißig und bequem, so wie alle anderen Menschen auch. Der einzige Unterschied ist, dass wir fliegen können.«

»Dann bin ich ja jetzt auch eine Hexe«, antwortete Innocenta und umklammerte ihren Besen. Gut gelaunt und beschwingt mischte sie sich unter die Tanzenden und fand einige Freunde unter ihnen.

Vor dem Morgengrauen kehrte sie in ihre Klosterzelle zurück, stellte den Besen in die Ecke und versuchte, noch ein wenig zu schlafen. Doch sie konnte nicht, zu aufregend waren ihre Erlebnisse gewesen.

In den folgenden Nächten wiederholte Innocenta ihre Ausflüge. Mit unwiderstehlicher Kraft zog es sie zum Hexenplatz. Sie hatte nur die eine Sorge, dass Mutter Benedicta etwas von ihren Abenteuern bemerken könnte.

Die harte tägliche Arbeit und die vielen nächtlichen Tanzvergnügungen schwächten sie dann jedoch so sehr, dass sie ernsthaft erkrankte. »Bis aufweiteres bleibst du im Bett«, befahl ihr die Mutter Oberin. »Deine Ordensschwestern werden dich gesund pflegen.« Benedicta sah den Besen in der Ecke stehen und tadelte Innocenta. »Du sollst nicht immer nur an deine Arbeit denken. Der Besen gehört nicht in deine Zelle, sondern in die Kammer.« Sie entfernte den Besen und verbot Innocenta, ihre Klause zu verlassen.

Auf dem Hexentanzplatz war man nach einiger Zeit verwundert darüber, dass die kleine Nonne nicht mehr gesehen wurde. So schickte man Nurena zum Kloster, um nach Innocenta zu suchen. Lange musste Nurena vergeblich umherschwirren. Doch dann entdeckte sie die Luken in den Klostermauern, schaute vorsichtig in alle Zellen und fand schließlich die Gesuchte wach in ihrem Bett liegend.

»Morgen will ich dir Heilkräuter vom Harzgebirge mitbringen, dann wirst du bald wieder gesund und kräftig sein«, versprach Nurena. »Außerdem werde ich unsere Freundinnen und Freunde dazu überreden, mich zu begleiten. In einem Kloster herumzufliegen, mit so vielen Säulen, Gängen und Hallen, das macht ja richtig
Spaß.«

In den folgenden Nächten schwebten immer mehr Hexen ins Kloster ein, tanzten, spielten Fangen und flogen geschwind und geschickt durch die verwinkelten Räume. Manche Nonnen wurden durch dieses Treiben geweckt. Alle aber dachten, sie träumten oder hatten Angst, sich lächerlich zu machen, wenn sie der Oberin von ihren Beobachtungen erzählten.

Wenige Zeit später läutete morgens die Glocke an der Klosterpforte. Ein aufgeregter Bote meldete, dass der Bischof von Magdeburg auf der Durchreise sei und die Gelegenheit nutzen wolle, dem Wendhusenkloster einen Besuch abzustatten.

»Das ist eine Inspektion«, entfuhr es der Oberin. »So etwas habe ich immer schon befürchtet. Öffnet sofort die Besenkammer, alle müssen mit anpacken, kein Staubkorn darf den Bischof stören.«

So geschah‘s. Die Nonnen ergriffen die vorhandenen Besen und Schwester Innocenta den, welchen die Hexe Nurena wenige Nächte zuvor unter dem Strohsack für sie versteckt hatte. Ein eifriges Putzen und Fegen begann. Doch schon kurz darauf wurde die Pforte des Klosters geöffnet, und der Bischof stand mit seinem Gefolge davor.

»Ehrwürdige Eminenz«, stammelte die Oberin und fiel vor dem Kirchenfürsten auf die Knie, »wir wollten ...« Ehe sie ihren Satz zu Ende sprechen konnte, ging ein Rucken und Raunen durch die Räume. In Scharen flogen die Nonnen mit ihren Besen durch die Pforte ins Freie und in Richtung des Hexentanzplatzes.

»Hier herrscht ja der Teufel«, schrie der Bischof entsetzt, drehte sich sofort um und veranlasste schon am Tag danach die Auflösung des Wendhusenklosters.

Mutter Benedicta wurde in eine weit entfernte Abtei strafversetzt. Ihre Mitschwestern aber blieben verschwunden. Es geht allerdings das Gerücht, dass sie an manchen Abenden in das alte Gemäuer zurückkehren, um die gerade in Mode gekommenen Hexentänze einzuüben.

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Titelbild: Katrin Lübke  / pixelio.de
Geschichte aus: "Der Drachenprinz" von Florian Russi

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