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Luthergedenken

Luthergedenken

Bernhard von Beskow

Der schwedische Schriftsteller Bernhard von Beskow begab in den Jahren 1819/20 auf Bildungsreise nach Mitteleuropa. Sein Weg führte ihn nach Dänemark, Deutschland, in die Schweiz und nach Italien. In Deutschland machte er Bekanntschaft mit Goethe, Oehlenschläger, Tieck, Friedrich Schlegel, Grillparzer und E. T. A. Hoffmann.

Seine Reiseerlebnisse schilderte er in dem dreibändigen Bericht Vandringsminnen, der erst 1833–34 veröffentlicht wurde. Ein kleiner Teil dieses Reiseberichtes, nämlich Beskows Eindrücke von Weimar und seine Erinnerungen an die Begegnung mit Goethe, erschien erstmals 2022 in deutscher Übersetzung. Er wurde unter dem Titel “Erinnerungen an Goethes Weimar” im Bertuch Verlag veröffentlicht.

Zum Bildungsprogramm des protestantisch erzogenen Beskow gehörte natürlich auch die Besichtigung der Luthergedenkstätten in Wittenberg. Über die Wittenberger Eindrücke berichtet er wie folgt:

In Wittenberg eilten wir natürlich zuerst zu Luthers Haus. Es ist recht gut erhalten und verglichen mit den anderen Häusern aus seiner Zeit ziemlich groß. Die Zimmer, die er bewohnte, liegen auf zwei Stockwerken und bestehen aus einer großen, hässlichen und düsteren Stube und einem Wohnzimmer. Ersteres hat nur ein Fenster, Letzteres zwei. Das Wohnzimmer hat keine Tapeten. Ein großer Eisenkachelofen mit mehreren „Stockwerken“ steht auf dem Boden. Am Fenster steht sein großer Schreibtisch und daneben ein Stuhl, auf dem er saß, wenn er seine Vorlesungen hielt.
Der Stuhl ist seltsam konstruiert. Sein unterer Teil ist mindestens fünf Mal so hoch wie die Rückenlehne (ganz im Gegensatz zur alten Sitte) und er hat nur auf einer Seite eine Armlehne. Es war wohl ein verzeihlicher Diebstahl, dass ich ein kleines Stück Holz vom Schreibtisch abgeschnitten habe. Wir Lutheraner haben auch unsere Reliquien.
An der Wand hat sich unter anderen Zar Peter verewigt; seine Unterschrift wird von einer Glaskuppel geschützt. Der Namenszug ist schwungvoll, aber schlecht lesbar, und man kann nicht erkennen, ob es Peter I. oder P. Zar sein soll. Außerdem zieren lebensgroße Porträts von Luther und Melanchton das Zimmer. Sie sind von Lukas Cranach und seit dem letzten Jubiläum mit Eichenlaubkränzen geschmückt, ebenso wie die Bilder Johanns des Beständigen und Friedrich des Weisen von demselben Meister.In einer Ecke hängen noch zwei Konterfeie von Luther; eins zeigt ihn in seiner Jugend und das andere im Alter, und ein Porträt von Cathrina v. Bohren [sic.]. Als die Franzosen Wittenberg zuletzt besetzt hatten, wurde das Haus als Lazarett genutzt, doch Luthers Zimmer blieb von allen Auswirkungen verschont.

In der Schlosskirche befinden sich Gedenktafeln für Luther und seinen Mitstreiter, beide sehr schlicht. Es sind zwei in den steinernen Fußboden eingelassene Eisentafeln, etwa eine Elle groß, mit folgender Inschrift:

Philippi Melanctonis S. V. Cor- Martini Lutheri S. Theologiae

pus H. L. S. E. Qui an. Christi D. Corpus H. L. S. E. Qui an.

MDLX. XIII. Cal. Maji in hac Christi MDXLVI.XII. Cal. Mar-

urbe M. O. C. V. Ann. LXIII. tii Euslebii in Patria S. M. O.

M. N. D. II. C. V. an. LXIII. M II. D. X.


Luthers Kanzel wurde aus dem üblichen Wunsch nach Verschönerung neu gestrichen, doch von innen ist sie unverändert.

Ein kleines Stück vor dem Areal, auf dem sich Luthers Haus befindet, steht eine Eiche namens die Luthers Eiche, die er selbst gepflanzt hat. Der alte Baum ist mittlerweile abgestorben, doch aus seiner Wurzel wächst ein neuer Spross. So wird sich auch seine Lehre durch die Zeiten fortpflanzen, ungeachtet aller Mönchsherrschaft und des Nebels der Mystik.

Eine Meile außerhalb der Stadt entspringt eine Quelle, genannt der Luthers-Brun [sic]. Der Legende nach war Luther, der diese Gegend oft besuchte, einmal sehr durstig und wollte einen Schluck Wasser trinken; da ließ der Herr diese Quelle aus dem Berg hervorsprudeln, um seinen treuen Diener zu erquicken. Wahrscheinlich ist diese Sage nach Luthers Tod entstanden, denn es ist nicht anzunehmen, dass er, der alle Mönchslegenden und Heiligenwunder ablehnte, seinen Namen in Zusammenhang mit einem modernen Wunder genannt wissen wollte.


* * *

Aus: Bernhard von Beskow, Vandrings-Minnen, Band 1, S. 74 f., ins Deutsche übersetzt von Nadine Erler

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