Sachsen-Anhalt-Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
Sachsen-Anhalt-Lese
Unser Leseangebot

Florian Russi

Märchenbühne
Kurze Theaterstücke für integrative Kinder- und Jugendgruppen

8 Theaterstücke von Florian Russi aus dem Bereich der Märchen und Sagen mit unterschiedlchem Schwierigkeitsgrad finden sich in diesem Heft.

Käselieb

Käselieb

Ulrike Unger

Über eine Zeitzer Sage

Zur Zeit des Frühmittelalters, im Jahre 968 wurde auf dem Gebiet der Stadt Zeitz ein Bistumssitz gegründet. Kaiser Otto der Große setzte Hugo I. als ersten Bischof ein. Im späten Mittelalter entwickelte sich Zeitz als bedeutender Residenzort der Naumburger Bischöfe. Der ottonische Kaiser, der sein Reich vergrößern und all seine Untertanen zum Christentum missionieren wollte, fand dafür gerade in der Gegend um Zeitz geeigneten Boden. Er traf aber auch auf Widerstand, denn hier befand sich unter anderem eine Siedlung der Slawen, genauer der Elbslawen, der sogenannten Wenden, die nach vorchristlicher Tradition viele Gottheiten anbeteten.

Um den neuen Glauben und die kirchlichen Strukturen zu festigen, veranlasste Otto einen Dom zu bauen. In diesen Kontext eingebettet, entstand in Zeitz die Sage um einen Mann, den man Käselieb von Rasberg nannte.

Dom St. Peter und Paul in Zeitz
Dom St. Peter und Paul in Zeitz

Käselieb aus dem Dörfchen Rasberg, das heute ein Ortsteil der Stadt Zeitz ist, hieß mit eigentlichem Namen Miesko. Der Bauer mit wendischer Herkunft wurde spöttelnd "Käselieb" von seinen Mitmenschen genannt, was auf seine Vorliebe für jenes Lebensmittel zurückgeführt wurde. Bauer Käselieb ließ sich zum Christentum bekehren und erhielt bei der Taufe seinen neuen Namen Johann. Johann Käselieb wurde zu einem sehr treuen und frommen Christen, den nichts störte, außer, dass seine wunderhübsche Tochter Anna, die zwar ebenfalls getauft worden war, sich jedoch in keinster Weise am Glaubenswechsel des Vaters ein Beispiel nehmen wollte. Im Herzen blieb sie den alten Göttern treu. Unnachgiebig pilgerte sie weiterhin heimlich zu ihrer Grotte im Wald, in der sich die steinernen slawischen Götzen verbargen, die sie anbetete. Nicht einmal die vorgeschlagene Hochzeit mit dem jungen Christen Theobald konnte Anna umstimmen. So machte sich ihr Vater auf den Weg nach Zeitz zu Priester Boso, um ihm von seiner sündigen Tochter zu erzählen. Und da er sie über alles liebte und nicht wollte, dass ihr Leid geschah, bot er sich auch gleich selbst an, für sie zu sühnen. Weil gerade die Bauarbeiten für den neuen Dom der Stadt Zeitz im Gange waren, bot der Priester Käselieb an, mit seinem Fuhrwerk Steine heran zu schaffen. Käselieb begann sofort mit dem Beladen seines Wagens und verlangte nicht einmal Lohn dafür. So begab es sich, dass der Bauer fortan nur noch mit dem Transport von Steinen für das Gotteshaus beschäftigt war, und das so emsig, dass er Haus und Hof darüber vergaß und bald sein Vieh und das Gut verkaufen musste, weil er und seine Tochter nichts mehr zu essen hatten. Als der Dom fertig war, kam der Kaiser zur feierlichen Einweihung. Unterwegs nach Zeitz war er im Wald an dem Götzenbild vorbeigekommen, hinter dem sich Anna just in diesem Moment verbarg. Aus Groll bei seinem Anblick, schleuderte der Kaiser seinen Spieß nach dem Bild, dass es zu Boden fiel und Anna erschlug. Käseliebs Frömmigkeit und sein Fleiß beeindruckten Otto den Großen sehr. Er wurde dafür von ihm reich belohnt und konnte sich von dem Geld wieder einen Hof kaufen. Außerdem befahl der Kaiser, das Antlitz des Bauern in den Stein der Kirche einzumeißeln. Als Käselieb dann vom Tod der Tochter erfuhr, wurde er sein Leben lang nicht wieder froh und starb in Gram.

Seit wann genau man sich die Geschichte des Käselieb erzählt, ist heute nicht mehr auszumachen. Vielleicht steht sie als Erinnerung für all die Arbeiter, die den Zeitzer Dombau mit ihrer Arbeitskraft unterstützten. Vielleicht reizte die Menschen auch erst nach der Fertigstellung des Gotteshauses die kleine Sandsteinfigur, die nur knapp 40 Zentimeter misst, zum Erfinden dieser Sage. Verborgen an einem Pfeiler über der Südempore ist der Käselieb nur schwer zu erkennen. In seinen Händen hält er eine Peitsche und eine Deichselwaage. Neben seinem Kopf schwebt das steinerne Schriftband, welches verkündet: „Ich heyse Keselib."

*****
Bildquellen:
Titelbild: Winfried Neubert
Lucas Friese, Dom auf Schloss Moritzburg in Zeitz im Süden von Sachsen-Anhalt, Wikipedia, CC BY-SA 3.0

Weitere Beiträge dieser Rubrik

Burg Reina
von Carsten Joroch
MEHR
Anzeige:
Unsere Website benutzt Cookies. Durch die weitere Nutzung unserer Inhalte stimmen Sie der Verwendung zu. Akzeptieren Weitere Informationen