Bereits in der ersten Zeile der ersten Strophe wird deutlich: hier folgt eine Dichtung, die den Winter in ein negatives Licht stellt. Denn der Dichter, Gottfried August Bürger ( ) personifiziert den frostigen Gesellen, indem er ihm eine kalte Hand zuschreibt, die die Blätter von den Bäumen glaubt und sogar das „grüne Maigewand der armen Flur (ge)raubt“.
Doch: der erste Eindruck täuscht. Denn das Gedicht wandelt sich hoffnungsvoll. Unser Dichter ist augenscheinlich verliebt in ein „holdes Angesicht“. Und auch den Blümchen möchte er damit Hoffnung spenden. Idealisiert wird das „Liebchen“ mit einem Atem, der ist „wie Frühlingsluft“ und sogar „erfüllt mit Hyazinthenduft“. Die romantisierenden Ausführungen gehen sogar soweit, dass Bürger für sich am Ende damit schließt, dass „der Frühling (in ihr) lebt und webt“. Wen stört also der Winter, wo doch die Liebe von innen wärmt und erfüllt? Frühlingsgefühle sind manchmal eben nicht nur dem Frühling vorbehalten.
Carolin Eberhardt
Der Winter hat mit kalter Hand
Die Pappel abgelaubt,
Und hat das grüne Maigewand
Der armen Flur geraubt;
Hat Blümchen, blau und rot und weiß,
Begraben unter Schnee und Eis.
Doch, liebe Blümchen, hoffet nicht
Von mir ein Sterbelied.
Ich weiß ein holdes Angesicht,
Worauf ihr alle blüht.
Blau ist des Augensternes Rund,
Die Stirne weiß, und rot der Mund.
Was kümmert mich die Nachtigall,
Im aufgeblühten Hain?
Mein Liebchen trillert hundertmal
So süß und silberrein;
Ihr Atem ist, wie Frühlingsluft,
Erfüllt mit Hyazinthenduft.
Voll für den Mund, und würzereich,
Und allerfrischend ist,
Der purpurroten Erdbeer gleich,
Der Kuß, den sie mir küßt.
O Mai, was frag ich viel nach dir?
Der Frühling lebt und webt in ihr.
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