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Christina Lange und Florian Russi

Der schiefe Turm von Salzwedel

Der schiefe Turm von Salzwedel

Weltberühmt ist der schiefe Turm von Pisa im fernen Italien, doch manche Wunderlichkeiten finden sich auch direkt vor der eigenen Haustür: Wenn Sie in Sachsen-Anhalt gen Norden fahren und in der Kreisstadt und alten Hansestadt Salzwedel zu Gast sind, dann wird Ihnen in der Altstadt der zur Seite geneigte Turm der Stadtkirche St. Marien ins Auge fallen, der die Dächer der Häuser mit seinen über 80 Metern gut sichtbar überragt. Um dieses Wahrzeichen Salzwedels rankt sich eine alte Sage:

 

Die Sage vom schiefen Kirchturm in Salzwedel

 

Einst war die Altmark nicht nur vom Volk der Menschen, sondern auch von dem der Riesen bewohnt. Einer von ihnen namens Jan Kahle lebte mit seiner Frau Seba in den Wäldern bei dem Dorf Seeben, nur wenige Kilometer von der Stadt entfernt. Als die Salzwedeler begannen, ihre Kirche zu bauen, und dabei einen Kirchturm errichteten, der weit über das platte Land sichtbar war, wurde Jan Kahle sehr zornig.

Altar der Marienkirche in Salzwedel
Altar der Marienkirche in Salzwedel

„Ich werde euch lehren, Türme zu bauen, die größer sind als ich“, brüllte er, packte einen riesigen Feldstein und schleuderte ihn wutentbrannt in Richtung des neu gebauten Kirchturms. Glücklicherweise verfehlte der Stein sein Ziel, jedoch nur knapp. Durch den starken Windzug, den der Flug des Steins erzeugte, geriet der Turm ins Wanken und neigte sich zur Seite. Die Salzwedeler nahmen diese Beschädigung ihres neuen Kirchturms mit Humor und erklärten ihn kurzerhand zum Wahrzeichen der Stadt. Der immense Felsbrocken schlug nahe der Kirche in die Erde ein und hinterließ eine tiefe Mulde, die sich bald mit Regenwasser füllte – dem heutigen Pfefferteich im Park des Friedens unmittelbar neben der Marienkirche.

 

Der prächtige Schnitzaltar aus dem 16. Jahrhundert

Doch nicht nur der schiefe Kirchturm der Marienkirche ist einen Anblick wert, auch das fünfschiffige Gotteshaus selbst beeindruckt allein durch seine Größe sowie durch die historischen Schätze in seinem Inneren. Erbaut als Feldsteinbau um 1150, erfuhr sie bis in das 15. Jahrhundert hinein mehrere Umbauten, bis sie als der spätgotische Backsteinbau vollendet war, als der sie heute noch im Zentrum der Stadt steht. Bis zur Reformation, die Salzwedel im Jahr 1541 erreichte, wurde sie die Kirche „Unser lieben vrouwen“ genannt, einer im Mittelalter weit verbreiteten Bezeichnung für die Gottesmutter Maria. Die zu Luthers Zeiten erfolgte Umbenennung in „St. Marienkirche“ ist somit im Grunde genommen keine solche, sondern lediglich eine Konkretisierung des althergebrachten Namens aus dem Mittelhochdeutschen.

Der geschnitzte Hochaltar, dessen Erschaffung auf das erste Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts datiert wird, zeigt insgesamt 30 Relieffelder. Sie zeigen Szenen aus den Marienlegenden und der Kindheit Jesu sowie den erwachsenen Christus als Weltenrichter. Das große Mittelbild zeigt die Leiden Christi, über dem eine lebensgroße Darstellung der Muttergottes auf einem Sichelmond angebracht ist, der jeweils vier weibliche Heilige zur Rechten und zur Linken gestellt wurden. Der Schnitzmeister des Altars ist namentlich nicht bekannt, angenommen wird ein Meister aus Braunschweig, da sich Parallelen der Arbeit in Altencelle und der Marktkirche Hannover finden lassen. Der Altar zählt zu Salzwedels schönsten Sehenswürdigkeiten aus der Frühen Neuzeit.

Von der barocken Orgel, erbaut um 1750 von Joachim Wagner, ist noch das aufwendig verzierte Gehäuse erhalten. Das Instrument selbst wurde 1913 durch eine Furtwängler- und Hammer-Orgel ersetzt, die mit ihren 62 Registern und drei Manualen bis heute erklingt. Nicht nur während der Gottesdienste, auch zu besonderen Konzertveranstaltungen vornehmlich während der Sommermonate, können Besucherinnen und Besucher sich an ihrem Klang erfreuen.

 

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Textquellen: 

Ev. Kirchengemeinde St. Marien, Salzwedel (Hg.): „Salzwedel St. Marien“. PEDA Kunstführer Nr. 890, 2013.

>https://www.salzwedel.de/de/stadt/stadtgeschichte/salzwedeler-sagen.html< aufgerufen am 20.05.2026 um 10.31 Uhr.

>https://www.marienkirche-salzwedel.de/86.html< aufgerufen am 20.05.2026 um 11.02 Uhr.

Fotos:

© Ulrike Demuth.

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Der schiefe Turm von Salzwedel

An d. Marienkirche 2
29410 Salzwedel

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