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Friedrich W. Kantzenbach

Erfundenes Glück

Der Autor beschäftigt sich auf lyrischem Weg mit den essentiellen Dingen des Lebens. Er reflektiert seine reichen literarischen Begegnungen und verarbeitet Reiseerlebnisse und persönliche Bekanntschaften mit Menschen, die ihn beeindruckten. Zunehmend durchdringen die Themen Krankheit, Tod und Vergänglichkeit seine Texte.

 

Johann Friedrich Böttger

Johann Friedrich Böttger

Hans-Joachim Böttcher

nach 333 Jahren immer noch berühmt!

Ende des 17. Jahrhundert war die gräflich Reuß‘sche Residenz Schleiz, ein kleines Städtchen. Allgemeine Beachtung dürfte es darum gefunden haben, als am Sonntag den 5. Februar 1682 der hier ansässigen Familie Böttger (auch Böttiger oder vereinzelt Böttcher geschrieben) ein Sohn getauft wurde. Im Beisein von zwei begüterten Kaufleuten und Ratsherren sowie einer Gastwirtsehefrau, also Honoratioren der Stadt, erhielt der Knabe den Namen „Johannes Friederich". Wann die eigentliche Geburt erfolgte ist unklar; vermutlich einen Tag zuvor am Sonnabend den 4. Februar. Als Erwachsener erzählte Johann Friedrich Böttger allerdings gern, dass er als Sonntagskind auf die Welt gekommen sei.
-	Die Alte Münze in Schleiz, Böttgers Geburtshaus
- Die Alte Münze in Schleiz, Böttgers Geburtshaus

Der Vater des Neugeborenen war Johann Adam Böttger, der bis kurz zuvor als „Müntz-Cassirer" in der gräflichen Münzstätte wirkte. Um die Mitte des Jahre 1679 hatte ihn ein Arbeitsangebot von seinem Schwiegervater Christoph Pflug, dem Pächter der Münze, in die kleine Residenz gerufen. Auf Grund allgemeiner schlechter Verhältnisse in ihrer Heimatstadt Magdeburg, nahm Böttger das Angebot an und zog mit seiner ihm 1676 angetrauten Ehefrau Ursula und ihrem im Frühjahr 1679 geborenen ersten Sohn Christoph Dietrich nach Schleiz. Hier wohnten sie mit größter Wahrscheinlichkeit in dem am Neumarkt stehenden Münzhaus (heute; Neumarkt 13, die „Alte Münze"). Die Arbeit Böttgers bestand darin die Stempel für die zu schlagenden gräflich Reuß'schen Münzen zu schneiden, sowie sicher in ganz normaler Metallschmelz- und Münzschlagarbeit.

Ein großes Gewinnstreben von Heinrich I. von Reuß-Schleiz verleitete diesen eine
Verminderung des Edelmetallanteils in den Geldstücken anzuweisen. Die Folge war eine starke Abwertung seiner Münzen. Das wiederum hatte schon nach kurzer Zeit die Konsequenz, dass die Münzstätte in der zweiten Hälfte 1681 geschlossen werden musste. Der dadurch arbeitslos gewordene Johann Adam Böttger konnte mit seiner Familie, zu der nun auch noch die 1680 in Schleiz geborene Tochter Maria Sophie gehörte, allerdings nicht sofort die Stadt verlassen. Die Hauptgründe dafür dürften gewesen sein, dass sich Frau Ursula in anderen Umständen befand und zudem in ihrer Heimatstadt Magdeburg seit Juni 1681 die Pest herrschte. Dieser fiel immerhin ein Drittel der Bevölkerung zum Opfer.

Offenbar im Frühjahr 1682, der kleine Johann Friedrich wird nur wenige Wochen alt gewesen sein, zog Familie Böttger ins kurfürstlich brandenburgische Magdeburg um. Und das, obwohl die Stadt als Lebens- und Arbeitsstätte zu jener Zeit kaum sehr attraktiv war. Noch immer litt sie unter den Folgen des Dreißigjährigen Krieges, der sich hier besonders tragisch ausgewirkt hatte. Dazu kam nun noch die gerade erst überwundene Epidemie. Magdeburg war aber nicht nur die Heimatstadt der Familie, sondern in ihr lebten auch noch mehrere Verwandte. Dazu gehörte Böttgers Bruder Johann David, mit dem er offenbar Mitbesitzer des von der Mutter ererbten Wohn- und Goldschmiedehauses am Breiten Weg 28 war, der besten Bürger- und Geschäftsstraße der Stadt. Sicher zog hier in dieses Haus die umgesiedelte Familie ebenfalls wieder mit ein. In der Goldschmiedewerkstatt des Bruders, vielleicht auch in der von seinem Schwiegervater C. Pflug geleiteten städtischen Münze, dürfte Johann Adam Böttger nach seiner Übersiedlung gearbeitet haben. Das nur für kurze Zeit, da er schon bald verstarb (Das genaue Datum ist unbekannt, da die Kirchenbücher dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer fielen!). Wenige Monate später bekam seine Frau Ursula im folgenden Jahr noch einen nachgeborenen Sohn, der den Namen Siegismund erhielt.

Magdeburg 1701, so wie es sicher auch Böttger kannte
Magdeburg 1701, so wie es sicher auch Böttger kannte

Der kleine Johann Friedrich hat in seinem Alter natürlich nichts von dem Schicksalsschlag der Familie mitbekommen. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die gerade erst einmal 31 Jahre alte Ursula Böttger mit ihren Kindern dadurch in große wirtschaftliche Schwierigkeiten gekommen sein dürfte, wenn sie sicher auch nicht völlig verarmten.

1685 ehelichte die Witwe den ebenfalls verwitweten Johann Friedrich Tiemann. Während sie vier Kinder in die Ehe mitbrachte, waren es von seiner Seite zwei; ein Knabe und ein Mädchen. Tiemann war Magdeburger Bürger und hatte als Ingenieur den Posten eines Aufsichtsbeamten beim kurfürstlich brandenburgischen Festungs- und Vermessungsbauwesen inne; später erfolgte sein Aufstieg zum örtlichen Stadtmajor. Er war ein wohlhabender Bürger, der mehrere Grundstücke besaß. Dazu gehörte das stattliche Wohnhaus „Zum Kronprinzen", am Katzensprung 7, wo vermutlich die ganze Familie seit der Eheschließung wohnte. Im gleichen Jahr verkaufte Böttgers Mutter ihren Anteil an dem Haus im Breiten Weg an ihre inzwischen ebenfalls verwitwete ehemalige Schwägerin.

Es ist davon auszugehen, dass im väterlichen Haus im Breiten Weg der kleine Johann Friedrich in seinen ersten drei Lebensjahren natürlich nicht viel von der Arbeit seines Onkels in der Goldschmiede mitbekommen hatte. Der war im Übrigen bald verstorben, so dass dessen Witwe den Goldschmiedegesellen G. Bertram ehelichte. Aber als Johann Friedrich ein höheres Alter erreicht hatte ist anzunehmen, dass er doch ab und zu in den Breiten Weg gekommen und hier Bertram bei dessen Arbeit zugeschaut hat. Dabei dürfte sicher für ein heranwachsendes Kind insbesondere das Schmelzen alter Münzen und Metallbarren, sowie das Mischen von Legierungszusätzen, von besonderem Interesse gewesen sein. Bestimmt wird der Junge in der Werkstatt auch so manches Gespräch gehört haben, wie wünschenswert es doch wäre das große Geheimnis der Alchimie zu kennen; die Umwandlung von unedlem in edlem Material, also Gold und Silber. Vielleicht mag ja schon damals in dem Knaben sein späteres fanatisch anmutendes Interesse für Laborarbeiten am Ofen und das besonders mit Edelmetallen geweckt worden sein; und er so eine Prägung für sein ganzes Leben erhalten haben.

Böttgers Relief auf einer Stele auf der ehemaligen Dresdner Jungfernbastei, einer der Stätten seiner Porzellanforschungen.
Böttgers Relief auf einer Stele auf der ehemaligen Dresdner Jungfernbastei, einer der Stätten seiner Porzellanforschungen.

Zwischen Johann Friedrich und seinem Stiefvater konnte sich offenbar in dem reichlich
einem Jahrzehnt währenden Zusammenleben kein herzliches, geschweige liebevolles Verhältnis entwickeln. Dabei war der Knabe außergewöhnlich aufgeweckt. Schon früher als andere Kinder erhielt er von seinem Stiefvater Schulunterricht. Als Erwachsener schrieb Böttger 1709 in einer kurzen Autobiografie dazu: „Rechnen und Schreiben, so viel, als einem Menschen ohne Profession darvon zu machen nöthig, habe [ich] schon in meinem achten Jahre in ziemlicher Vollkommenheit gekunt." Später bekam er, zusammen mit anderen Knaben adeliger Herkunft, Unterricht in Geometrie, Technik, im Festungsbauwesen und Feuerwerkerei. Ein auffallendes Interesse zeigte Johann Friedrich angeblich von Anfang an für die Chemie. Letztlich besuchte der Knabe auch noch die Schule in Magdeburg, um Latein zu erlernen.

Es zeigte sich, dass Johann Friedrich ein selten intelligenter und geschickter Junge war. Die Frage, welchen Beruf er erlernen soll, dürfte seine Eltern darum sehr beschäftigt haben. Er selbst schrieb 1709 darüber: „Ich weiß zwar nicht mehr zu gedencken, worzu ich in der Jugend die meiste Neigung geführet, meine Eltern aber hatte mich zum Studio Medico gewiedmet, in welchen Absehen ich auch auff Einrathen gewißer Doctorum einige Zeit die ersten Prinzipia dieser Wißenschaften in Berlin zu begreiffen mir Mühe gegeben ..."

Unter diesen Lebensplanungen ist zu verstehen, dass man den Knaben im Herbst 1696, also mit etwa 14 ½ Jahren, in die Apothekerlehre nach Berlin schickte. Nie wieder sollte das Schicksal Johann Friedrich Böttger in die Stadt seiner Kindheit, nach Magdeburg, zurückführen.

Sein weiteres Schicksal, als junger Alchimist in Berlin und nach seiner Flucht in Sachsen, als Gefangener von August dem Starken, war äußerst spektakulär. Nachlesen lässt sich das in der im Dresdner Buchverlag erschienenen Biografie: „Böttger - Vom Gold- zum Porzellanmacher", von Hans-Joachim Böttcher.

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Bilder:
- Böttger als Büste
- Die Alte Münze in Schleiz, Böttgers Geburtshaus
- Magdeburg 1701, so wie es sicher auch Böttger kannte
- Böttgers Relief auf einer Stele auf der ehemaligen Dresdner Jungfernbastei, einer der Stätten seiner Porzellanforschungen.

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