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Okzident und Orient
Die Faszination des Orients im langen 19. Jahrhundert

Klaus-Werner Haupt

In siebzehn Kapiteln werden neunzehn Persönlichkeiten des langen 19. Jahrhunderts vorgestellt, deren Texte, Bilder und Erfindungen deutlich machen: Okzident und Orient sind nicht zu trennen.

Hadmersleben

Hadmersleben

Klaus-Werner Haupt

Kulturhistorisch bedeutsamer Ort und Wirkungsstätte von Johann Joachim Winckelmann

Durch Hadmersleben – einen im Landkreis Börde (Sachsen-Anhalt) gelegenen Ortsteil der Stadt Oschersleben – verläuft die Südroute der Straße der Romanik. Touristischer Anziehungspunkt ist das weitläufige Ensemble des Benediktinerinnen-Klosters St. Peter und Paul mit Kirche, Klostergebäuden, Gutshof und mehr als vier Hektar großem Park. Das einst nahe der Bode gelegene Kloster wurde 961 durch Bernhard von Hadmersleben (923–968 Bischof von Halberstadt) gestiftet. Die Gründungsurkunde enthält den „Vollziehungsstrich“ des erst sechsjährigen Königs Otto II. (955–983). Erste Äbtissin des Klosters wurde Bernhards Nichte Gundrada. Aus jener Zeit stammt die romanische Krypta (Unterkirche) der Klosterkirche.

Der Zugang zur jetzigen katholischen Pfarrkirche St. Peter und Paul erfolgt ausschließlich über den Kirchhof. Durch den Südeingang gelangt der Besucher in die spätgotische Hallenkirche (Oberkirche). Mehrere Treppenstufen führen hinab in die Krypta. Vier ottonische Säulen (später durch Pfeiler ergänzt) und Kapitelle zeugen von damaliger Handwerkskunst. Um 1050 wurde der erste Kirchenbau erneuert und verbreitert. Einhundert Jahre später erhielt die romanische Basilika (Oberkirche) ihre jetzigen Ausmaße. Die Turmspitzen des markanten Kirchturmmassivs ragen 60 Meter über das Bördeland. Im 13. und 14. Jahrhundert erneuerte man das Kirchenschiff. Nachfolgend wurden die gotischen Kirchenfenster eingesetzt, in der Krypta entstand eine Empore für die Nonnen des Klosters.

ottonische Kapitelle in der Krypta der Kirche St. Peter und Paul
ottonische Kapitelle in der Krypta der Kirche St. Peter und Paul

Auch nach der Reformation blieben Kirche und Kloster katholisch, aber der Dreißigjährige Krieg zwang die Nonnen nach Hildesheim zu fliehen. Nach ihrer Rückkehr wurden die Anlagen des Klosters aufwändig barockisiert. Allgegenwärtig ist die Rose – das Emblem der Äbtissin Anna Margarethe Blume (1679-1717). ( 1 )

Spätestens mit dem Frieden von Tilsit 1807 war das Ende des Klosters absehbar. Zwei Jahre später wurde es durch Jérôme Bonaparte – Regent des neu geschaffenen Königreiches Westphalen – säkularisiert und verkauft. Der katholischen Gemeinde blieb die Kirche St. Peter und Paul. 1954 diente sie der DEFA als Filmkulisse für Das Fräulein von Scuderi (1819/21). Originaler Schauplatz von E. T. A. Hoffmanns schaurig-romantischer Novelle ist die Pariser Église Saint-Eustache.

Klosterkomplex Hadmersleben
Klosterkomplex Hadmersleben

Das einstige Benediktinnerinnen-Kloster ging 1885 in den Besitz des Ornithologen und Pflanzenzüchters Ferdinand Heine jun. (1840–1920) über, der zahlreiche Veränderungen vornehmen ließ. Während der Klostergarten zu einem englischen Landschaftsgarten umgestaltet wurde, schuf der namhafte Berliner Architekt Hans Grisebach (1848–1904) bauliche Ergänzungen im Stile des Historismus: eine italienische Loggia, einen barocken Treppenturm, eine Mauer mit klassizistischen Bekrönungsvasen.

Ab 1965 wurde die 80-jährige Tradition der Saatgutzüchtung durch das Institut für Getreideforschung sowie ein Lehr- und Versuchsgut fortgesetzt. Seit 1994 befindet sich das Klostergut im Besitz des Unternehmers Ulrich von Neumann. Im Nord- und Osttrakt mit Refektorium (Speisesaal), Parlatorium (Empfangsraum) und Propstei – der einstigen Klosterschule – befindet sich seit 1. September 1999 die private Internatsschule Hadmersleben. Der einstige Wirtschaftshof wird als Pausenhof genutzt.

Im Kulturhistorischen Museum des Klosters Hadmersleben erwarten den Besucher Zeugnisse aller Stilepochen, darunter der große romanische Kapitelsaal. Eine klassizistische Panoramatapete stellt den griechischen Befreiungskampf dar. Vierzehn Schautafeln erinnern an Leben, Werk und Wirkung des Altertumsforschers Winckelmann. Eine kleine Ausstellung ist Ferdinand Heine gewidmet, dessen Getreide- und Zuckerrübenzucht Weltruhm erlangte. Im ehemaligen Dormitorium (Schlafsaal der Nonnen) befindet sich eine neuzeitliche Gemäldegalerie. Mit sechs allegorischen Bildern interpretieren Rudolf Pötzsch und Michael Emig – Schüler des Leipziger Künstlers Werner Tübke (1929–2004) – die tausendjährige Geschichte des Klosters Hadmersleben.

Anmeldungen für den Besuch des Klosters

unter Stadtbibliothek Hadmersleben

Breiteweg 33

39398 Hadmersleben

Tel. (03 94 08) 312 bzw. -52 32

Fax (03 94 08) 252

Mail stadtbibliothekhadmersleben@gmx.de

die Burg (Amt) Hadmersleben im 17. Jahrhundert
die Burg (Amt) Hadmersleben im 17. Jahrhundert

Eine weitere Sehenswürdigkeit ist die Burg (Amt) Hadmersleben. Einerseits wurde die Burganlage durch das Steilufer der Bode begrenzt, deren Flussbett bis 1672 durch den Ort führte. Andererseits war sie von Wassergräben und einer Mauer umgeben. Am Torturm, dessen unterer Teil aus romanischer Zeit stammt, befanden sich damals Eingangstor und Zugbrücke. 1578 ging die Burg in den Besitz des Magdeburger Domkapitels über. Anstelle des Bergfriedes entstand nun ein Renaissanceschloss, das von einem fünfeckigen Treppenturm überragt wurde. Durch Zukauf von Höfen, Äckern und Wiesen vergrößerte sich der Besitz, der Wirtschaftshof wurde auf die Vorburg ausgeweitet. Nach dem Westfälischen Frieden von 1648 fiel die Anlage an das Kurfürstentum Brandenburg. Ab 1680 verwalteten Amtmänner den Besitz des Domkapitels, das Schloss wurde durch ein barockes Herrenhaus ersetzt. ( 2 )

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts lebte die Familie des Oberamtmannes Heinrich Christian Lambrecht (auch Lamprecht) auf der Burg (Amt). Der älteste Sohn des Pächters, Friedrich Wilhelm Peter, war 16 Jahre alt und sollte auf den Besuch der Universität vorbereitet werden. Als dessen Hauslehrer war von Sommer 1742 bis Frühjahr 1743 Johann Joachim Winckelmann (1717–1768) tätig.

der Hansesche Hof, Telemannstraße 3
der Hansesche Hof, Telemannstraße 3

In der Privatbibliothek des ehemaligen Gesandtschaftssekretärs Ludwig von Hanses, Telemannstraße 3 exzerpierte der Autodidakt Winckelmann jene Aufklärungswerke, die sich für seine spätere Karriere als nützlich erweisen sollten. Seit 9. Dezember 1989 erinnert eine Bronzetafel am Torturm des Amtshofes an den Aufenthalt Winckelmanns, BEGRÜNDER DER KLASSISCHEN ARCHÄOLOGIE UND MODERNEN KUNSTWISSENSCHAFT.

Pfarrkirche St. Stephanus und Torturm des Amtshofes
Pfarrkirche St. Stephanus und Torturm des Amtshofes

Mit Michael Gottfried Schiele (1715–1768), Pfarrer der Amtskirche St. Stephanus, verband Winckelmann seinerzeit ein vertrauensvolles Verhältnis. Vorläufer der evangelischen Pfarrkirche war die romanische Kapelle St. Stephanus. Sie befand sich auf dem Gelände der Vorburg und war einst Burgkapelle und Schlosskirche. Von 1745 bis 1747 wurde die Kirche im klassizistischen Stil erneuert. Vor dem Altar finden sich die barocken Grabsteine des Bauherren Heinrich Christian Lambrecht († 1773) und dessen Frau Helena Sophia Grabauer († 1756).

Nach der Auflösung des Klosters wechselte auch das Amt mehrfach den Besitzer. 1824 wurde es von Caroline von Humboldt (1766–1829), Frau des preußischen Staatsministers Wilhelm von Humboldt (1767–1835), erworben. Nach ihrem Tod fiel das Amt an den gemeinsamen Sohn Hermann (1809-1870). Der verkaufte es bereits 1834 an die Braunschweigische Domänenkammer. Ab 1945 befand sich im Amt ein Saatzuchtbetrieb, ab 1965 das erwähnte Lehr- und Versuchsgut der Landwirtschaftlichen Akademie der Wissenschaften der DDR. Seit 1990 gehört das Amt zur Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz und wird von dem Unternehmen Semundo Agrar Urban Jülich bewirtschaftet.

*****



Quellen:

( 1 ) Schrader, Franz: St. Peter und Paul Hadmersleben. Hrsg. Land Sachsen-Anhalt und Bistum

Magdeburg 1992

( 2 ) Merfert, Walter: Burg Hadmersleben. 850 Jahre Geschichte–Architektur–Kunsthandwerk.

Hrsg. Gesellschaft für Denkmalpflege Kreis Wanzleben mit freundlicher Unterstützung der

Semundo–Agrar GbR Jülich/Breuer. H. Lohmann, Egeln

Abbildungen:

( 1 ) Merian, Matthäus, Hadmersleben um 1650. Sammlung H.-P. Haak, Leipzig

( 2 ) ottonische Kapitelle in der Krypta der Kirche St. Peter und Paul . Foto: Haupt (2012)

( 3 ) die Burg Hadmersleben im 17. Jahrhundert. In: Merfert, Walter: Burg Hadmersleben. 850

Jahre Geschichte–Architektur–Kunsthandwerk. sh. Quellen

( 4 ) Klosterkomplex Hadmersleben. Quelle: http://www.privatgymnasium.de/

( 5 ) Pfarrkirche St. Stephanus und Torturm des Amtshofes. Foto: Haupt (2012)

( 6 ) der Hansesche Hof. Foto: Haupt (2012)

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