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Mechthild von Magdeburg

Ulrike Unger

".....Herr, himmlischer Vater, zwischen Dir und mir geht ohne Unterlaß ein unbegreiflicher Atem, in dem ich große Wunder und unaussprechliche Dinge erkenne und sehe,....."
Was bleibt nach über sieben Jahrhunderten von einem Menschen, so dass wir heute noch von ihm berichten möchten? Vor wenigen Tagen kam mir der Name der Zisterzienser-Nonne und Mystikerin Mechthild von Magdeburg wieder ins Gedächtnis. Liest man ihre Texte, die vor wirklich schöner sprachlicher Ornamentik beinah überborden, erhält man tiefe Einblicke in ein von Klosteralltag und tiefer Gläubigkeit geprägtes mittelalterliches Weltverständnis.
Es gibt gegenwärtig keine gesicherten Lebensdaten Mechthilds von Magdeburg, die Jahreszahlen bewegen sich in einer Spanne zwischen 1207 und 1294. Wahrscheinlich von wohlhabendem Stand, wird Mechthild in der Gegend um Magdeburg geboren und erhält eine für die damalige Zeit übliche, höfische Erziehung, die sie in die Sitten und Bräuche des Adels einführt. Bereits im Alter von zwölf Jahren soll sie zu ihrer ersten mystischen Begegnung mit Gott gelangt sein. Fortan begehrt sie, sich dem frommen Christenleben hinzugeben. Sie zieht zunächst nach Magdeburg, um dort einer Beginen-Gemeinschaft beizutreten. Diese religiösen, ordenlosen Laien-Zusammenschlüsse von Frauen, die kaum finanzielle Rücklagen hatten, um sich einen Klosteraufenthalt leisten zu können, wurden von der Kirche geduldet. Aber nur, weil sich ihre Mitglieder in der Krankenpflege, Sterbebegleitung und Armenfürsorge aufopferten. Mechthild entgeht während ihrer Arbeit im Dienste der Elenden nicht das Gefälle zwischen praktiziertem, unmittelbarem Glauben, der ohne Besitz und Repräsentation auskommt und dem großen Reichtum der christlichen Kirchen, die sich hinter Theoriegebilden verstecken, statt aktiv christliche Werte in der Gesellschaft vorzuleben. Sie wagt den ausschweifenden Lebensstil der Domherren und ihrer Gefolgschaft, die Bigotterie der großen Orden zu kritisieren. Anfeindungen von Seiten des Klerus lassen nicht lange auf sich warten. Gleichzeitig beginnt Mechthild von Magdeburg auch erstmals ihre Visionen schriftlich festzuhalten.
Die Schilderungen ihrer Erfahrungen mit Gott sind in sieben Büchern, die sie „Das fließende Licht der Gottheit" betitelt, aufgeschrieben. Ob Mechthild dies eigenhändig tat, oder ob sie ihre Worte einer Mitschwester diktierte, weiß die Nachwelt nicht. Möglicherweise hat sogar ihr Beichtvater, Heinrich von Halle, der sie zum Aufschreiben ermuntert haben könnte, einen großen Teil der Texte korrigiert, verändert oder neu zusammengestellt. Ihr Werk weist eine Vielzahl literarischer Ausdrucksformen auf, so bedient sie sich einer Melange aus Dialog, Hymne, Gebet, Vers und Prosa, welche im Einzelnen einen ganz eigenen Reiz haben. Sie lässt es sich auch nicht nehmen, in ihren Büchern erneut gegen den verschwenderischen Habitus vieler Geistlicher anzukämpfen. So bezeichnet Mechthild sie unter anderem als &bdquobdquo;stinkende Böcke". Kirchenkritik aus dem Mund einer Frau. Mechthild weiß, dass sie fliehen muss.
In fortgeschrittenem Alter macht sie sich auf den Weg ins Kloster Helfta bei Eisleben, einem damaligen Zentrum mystischer Spiritualität. Die Zisterzienserinnen heißen sie willkommen, unter ihnen befindet sich Mechthild von Hackeborn. Die Geflohene wird hier kurz vor ihrem Tod die Lehrerin von Gertrud der Großen, der einzigen deutschen Heiligen, die diesen Zusatz trägt.
Der säkularisierte, abgeklärte Mensch des modernen Zeitalters tut sich vermutlich schwer mit der religiösen Emphase, die aus den Texten Mechthilds von Magdeburg spricht. Ihre Worte erinnern an Minnesang, an Brautwerbung. Es sind Liebesbekundungen, die sie ihrem Gott darbringt. Da stößt man nicht selten auf eine erotisch-sexuelle Komponente, wie man sie vor allem aus dem wunderbaren, jedoch weltlichen Hohelied der Liebe des Alten Testaments kennt. Häufig finden sich in überlieferten frauenmystischen Werken Beschreibungen von ekstatischen Glückszuständen, so auch bei der Mystikerin aus Magdeburg. Die Praktiken zur Erlangung der unio mystica, der höchsten Stufe der mystischen Erkenntnis, die in der Vereinigung der Seele mit Gott gipfelt, wirken befremdlich. Vor allem im 14. Jahrhundert, lange nach Mechthilds Wirken, erscheint die erwünschte göttliche Verbindung nur noch durch eine radikale, nahezu vollständige Entäußerung von menschlichen Grundbedürfnissen erreichbar.
Was wüssten die Menschen der Gegenwart von Personen wie Mechthild von Magdeburg ohne ihre Texte? Der Versuch der sprachlichen Fixierung einer eigentlich der Sprache abholden metaphysischen Erfahrung muss heute als Verdienst der Mystikerinnen des Mittelalters angesehen werden. Mechthild von Magdeburg steht als wegweisende historische Persönlichkeit für dieses Bestreben.

Ihre mystischen Schriften gelten als die ersten in deutscher Sprache, in einer Zeit, in der das Latein als Gelehrtensprache allgegenwärtig ist. Das mittelniederdeutsche Original ist heute verloren. Eine oberdeutsche Abschrift überstand die Jahrhunderte, sie wird derzeit in der Stiftsbibliothek in Einsiedeln aufbewahrt.

 

       

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 Quellen:


• http://staff.fim.uni-passau.de/schmidtb/philosophie/Kunst/Kunst_in_St_Sebald/Frauenmystik.pdf
• http://u01151612502.user.hosting-agency.de/malexwiki/index.php/Frauenmystik
• http://tuczay.files.wordpress.com/2010/09/vo-frauenmystik-1doc.pdf
• http://www.rudihaberstroh.de/zit/zitmechtmagdgottheit.pdf
• http://www.heiligenlexikon.de/BiographienM/Mechthild_von_Helfta.html
• http://de.wikipedia.org/wiki/Mechthild_von_Magdeburg
• http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/mechthild-von-magdeburg/
• http://de.wikipedia.org/wiki/Gertrud_von_Helfta
• http://www.kath.ch/skz-1998/leit/le46.htm
• http://www.erzbistum-paderborn.de/medien/1781/original/230/0307-Liborivortrag.pdf

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