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Forum für neue kulturelle Dimensionen, erscheint seit 2013 viermal jährlich
Camposanto
Wie eine Befestigungsanlage aus alten Zeiten liegt der denkmalgeschützte Friedhof auf dem Martinsberg der Saalestadt Halle. Tritt man durch den Torturm hinter die Mauern, gelangt man zu einem der bedeutendsten Renaissance-Friedhöfe Europas. Aufgrund der großartigen architektonischen Geschlossenheit und der besonderen Gräberkultur, ist dieser Status nachvollziehbar.
Die umlaufenden Arkaden des Geländes samt Pfeilern sind mit einem Satteldach versehen und bieten Interessierten und Liebhabern historischer Schmiede- und Steinmetzarbeiten viele Entdeckungen. Florale Ornamentik in Kombination mit Familienwappen, christlicher Symbolik und Figürlichkeit sowie phantastischen Gestalten bilden einen reichen Fundus der Friedhofskunst. In den meisten Grablegen haben sich wertvolle Epitaphe erhalten. Bibelverse beider Testamente versehen die Grabbögen. Die Individualität jeder einzelnen Totenstätte geht auf die Wünsche wohlhabender Hallenser Patrizier und Gelehrter zurück, die auch über den Tod hinaus ihre Repräsentationsansprüche geltend machen wollten. Die Grüfte waren einst mit Eisen- oder Holzgittern abgeschlossen. Insgesamt 94 Arkaden sind ab 1557 von Nickel Hoffmann entworfen und in über dreißigjähriger Bauzeit errichtet worden. Obwohl der Ratsbaumeister an vielen Orten wirkte (etwa auf Schloss Hartenfels in Torgau), ist der Camposanto kunstgeschichtlich betrachtet sein wohl größtes Werk, denn Hoffmann verstand es als einer der ersten seines Berufsstandes im mitteldeutschen Raum, Bauformen der Renaissance zu beherrschen und in eigenem Stil weiterzuentwickeln.
Im Mittelfeld des Gottesackers trifft man auf eine dichte Anzahl von Kreuzen, Grabplatten und Grabsteinen, viele von ihnen aus schwarzem Granit gehauen. Sie strahlen eine anmutige Erhabenheit aus. Es ist beinah so, als würden sie der irdischen Vergänglichkeit trotzen wollen. 
Der im 16. Jahrhundert nach dem Vorbild des alten Begräbnisplatzes in Pisa (camposanto -„heiliges Feld") errichtete Gottesacker geht auf veränderte hygienische Erfordernisse innerhalb der Stadt zurück. Denn am Ende des Mittelalters erwog man auch in Halle wegen erhöhter gesundheitlicher Risiken, die von den engen Kirchhöfen im Zentrum ausgingen, eine Verlagerung der Friedhöfe. Abseits der Stadtgrenzen schuf man nun einen neuen zentralen Bestattungsort für die Leichen. Die ursprüngliche Fläche des Camposanto war bis dato ausschließlich für die Beerdigung von Pesttoten genutzt worden.
Bombardements des Zweiten Weltkriegs haben das gesamte Gräberfeld, insbesondere Anteile der Arkaden stark in Mitleidenschaft gezogen. Bis in die neunziger Jahre verfiel das Gelände stetig. Dank einer Stiftung und mithilfe einer großzügigen Privatspende konnten schließlich Erhaltungsmaßnahmen durchgeführt werden.
Die älteste sich auf dem Camposanto befindende Grabstätte gehört einer Frau: der Felicitas von Selmenitz (1488-1558). Sie war eine der ersten Menschen, die der Reformationsbewegung in Halle anhingen. Die jung Verwitwete war zudem eng befreundet mit Martin Luther, den sie in Wittenberg persönlich kennengelernt hatte. Ein Exemplar seiner Bibelübersetzung von 1534 schenkte er ihr mit einer Widmung. Weiterhin ruhen hier Persönlichkeiten wie August Hermann Francke, der in Halle um 1700 die bis heute bestehenden Franckeschen Stiftungen gründete. Oder Georg Händel, der Vater des Komponisten Georg Friedrich Händel. Auch Friedrich Hoffmann, ein Arzt, der für seine Hoffmannstropfen bekannt wurde. 
Kein Todeshauch weht über diesem kleinen, eindrucksvollen Friedhof, sondern hier breiten sich selten gewordene Stille und ein Stück städtischer Wildnis aus, wie sie im Zeitalter von Flächenversiegelung und urbanem Dauerlärm rar geworden sind.